Fünf aus Fünfunddreißig: Kennzeichen Freiheit

Gastbeitrag von Götz

Auch wenn man in einschlägigen Fernsehsendungen seit Jahren in meist eher wirren Gesprächen oft nur die Bushidos dieser Welt zu sehen bekommt, so gibt es doch noch guten Sprechgesang auf deutsch, auch außerhalb der Schweiz.
Jenseits von Pöbeln, Prolls und Porno gibt es noch den Rap, der sich wortgewaltig mit Inhalten auseinandersetzt und so vor Augen führt, wie schön Sprache sein kann. Zwei Meister dieses Fachs haben unlängst mit ihren neuen Alben wieder einmal ihre Qualität unter Beweis gestellt. Thomas D und Curse, Kennzeichen D und Freiheit, persönliche und gesellschaftskritische Texte, klingen dem einen oder anderen vielleicht zu poppig, um noch als Sprechgesang durchzugehen, aber beide haben auch tiefergehende, auf fortgeschrittene Wortakrobatik basierende Songs zu bieten.
Obgleich natürlich beide Alben nicht nur aus Glanzpunkten bestehen, so vermögen sie doch durch die vielleicht teilweise weniger charttauglichen aber umso inhaltsreicheren Texte zum Nachdenken anzuregen.

Um die Spreu auf den Platten vom Weizen zu trennen, habe ich mir mal meine persönliche Liste der fünf besten Tracks von beiden Alben zusammengestellt.

5. Schöne Wahrheit
Mit Zeilen wie

Aber trotzdem ist manchmal alles nur Wut /
auf mich selbst für mangelnden Mut /
so zu sein wie ich kann,
statt sein wie ich bin,
das ist nicht genug.

oder

Versuch ist Unsinn, es gibt nur die Tat, aber die versuch ich.

schafft es “Schöne Wahrheit” von Curse in diese Liste, obwohl es vom musikalischen her nicht ganz mein Fall ist.

4. Wenn ich die Welt aus Dir erschaffen könnte
Welche Frau würde nicht gerne Sätze wie

Ich würd die Sonne aus dem Glanz deines Lachens schaffen

oder

Nehm deinen Augenaufschlag als Tag /
Wenn du die Augen zumachst /
wird meine Nacht gemacht

über sich hören? Das Lied ist einfach poetisch schön, was soll man dazu noch sagen?
Manche könnte auch der kurze Studioeinblick interessieren, in dem man Curse bei der Arbeit zusehen kann.

3. Charlie Brown
Praktische Lebenshilfe von Thomas D, mit Sätzen wie

wollen wir gehn /
oder soll ich dich tragen

ist es doch quasi ein Kinderspiel, von der nächsten Party nicht allein nach Hause gehen zu müssen.

2. 100 Jahre
Ein faszinierendes Lied, in dem Curse einen Bogen über ein ganzes Leben spannt und so eine bewegende Lebensgeschichte erzählt und mit angenehmen Streichern untermalt.

Gott, bitte gib uns die Kraft, /
um zu ändern was wir können und zu akzeptieren dass /
manche Dinge einfach sind wie sie sind.

1. Neophyta
Junge Väter aufgemerkt, hier kommt etwas für Euch! Ein Lehrstück zum Thema Erziehung, zwischen banalem

Du bist allein in deinem Kopf und dein Herz klopft /
und hält dich am Leben

und weisem Ratschlag

wähle Deine Wege aus dem Herzen heraus

bietet Thomas D allerlei, was man sich ruhig einmal genauer anhören sollte.

Darüberhinaus schafft Thomas D in An alle Hinterbliebenen Gefühle und Erfahrungen in Worte zu fassen, die in keiner Liste zu fassen sind.

Fünf Konzerte

von einbecker

5. MGMT
(Rest des Konzertes leider eher in Qualitäten ähnlich der Kameraführung, Rauschen und Auflösung)

4. The Lodger
(30 Leute reichen manchmal. 30 Minuten irgendwie nicht.)

3. Bonaparte
(Ich steh ja manchmal auf eher kranke Sachen.)

2. A Place To Bury Strangers
(Vorband von MGMT, die die Indiekids doch eher vergraulten. Zu recht, denn sie waren großartig. Und grundsolides Schlagzeugspiel gabs noch dazu!)

1. Ben Folds
(Wenn ich nicht Schüttelfrost von gehäuftem Ausrufezeichenvorkommen bekäme, stände hier jetzt ein ganzer Wald. Zu wenigstens dreien kann ich mich durchringen: !!! (Wie in: Charisma! Klavier! Hach!))

Songs for The Moment

von einbecker

5. Maximo Park — Books From Boxes

4. Kings of Leon — Use Somebody

3. Tomte — Heureka

2. Oasis — I’m Outta Time

(im Moment scheint Myspace down zu sein)

1. Eric Wolfson — The Obama Song

»You gotta keep on keeping on«

von einbecker

2 Kommentare // Schuer: Falling down ist mein Pendant zu Coldplays Lost: Das erste große Erlebnis auf einer noch unbekannte…// Schuer: Danke für die Hinweise, ich muss dringend reinhören.

Die siebte Langspielstudioplatte von Oasis heißt »Dig Out Your Soul«. Und ist vielen Leuten wahrscheinlich höchstgradig egal. Mir hingegen alles andere als das — schließlich feiert die eine Seite der Musikpresse (die, die Oasis verehrt) das Album als bestes seit Be Here Now. Und ich stehe ja auf der guten Seiten, wie man schon häufig lesen konnte. Hier also die Highlights des neuen Albums:

5. To Be Where There’s Life / High Horse Lady
Nie wurden schönere Hommagen an die Beatles gespielt. Inklusive Indienanleihen und tranceartigem Gesang.

4. The Shock of the Lightning
Klassische erste Single. Gitarrenwand, (relativ) klarer Gesang, beide Gallaghers dürfen ran und die unvermeindliche Beatles-Anspielung. Nuff said.

3. Bag It Up / Falling Down
Der Opener ist ja bei vielen Alben ein Statement. Und Statements fallen bei Oasis ja immer schon in größeren Dimensionen aus, und so ist auch mit dem ersten Stück einer Platte. Oder: War es. Natürlich ist es immer noch eine hervorragender Song, um die Platte zu starten. Er ist bombastischer, hat mehr Feedback und klassische Riffs als der Rest des Albums. Und er nimmt sich doch zurück, will nicht mehr Bombast sein, keine Kopie der anderen Opener, sondern eigenständig dastehen, ohne Rücksicht auf das, was vorher war. Falling Down verkörpert dieses Zurückgezogene noch ein Stück mehr. Auch ruhigere Stücke, mit nachdenklicher Intonation — und auch Text — gab es schon vorher, aber: nicht so eigenständig und dabei ganz klar einer Tradition folgend.

2. I’m Outta Time
Eine Blur-Anspielung? Jedenfalls einiges an Pink Floyd, wenn man die Gitarrensoli(andeutungen) betrachtet. So ruhig, so entspannt, wie schon lange nichts mehr aus dem Hause Gallagher. Mit der Textzeile (s.o.), die Oasis Werk am besten beschreibt. Dem kann man nichts mehr hinzufügen.

1. —
Kein Hit. Kein Wonderwall, kein Live Forever. Aber eben auch kein Little By Little — was einerseits ein verdammt gutes Lied ist, aber eben doch so nach Hit! schreit, ja: schreien will. Und das ist die Stärke dieses Albums: Es verleugnet nicht, aus dem Hause Oasis zu kommen. Dies hätte auch keinen Zweck, diese Stimmen, dieses Gitarrenspiel, die gesamte Art: Das ist kein sich immer wieder selbst erfindendes Gebilde à là Blur, denn es schwitz aus allen Poren das Wasser, aus dem Oasis nun einmal gemacht sind. Aber das Album versucht auch nicht, sich irgendwie in eine Rangliste von Alben zu drängen — was hoffnungslos ist, wie die letzten fünf Alben gezeigt haben, was hoffnungslos ist: schließlich sind die beiden Erstwerke Teil des Musikkanons und gehören zu den wichtigsten Platten, die je erschienen sind. Also: Alles richtig gemacht.

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